Eine kleine Exkursion in der Geschichte des Amigas

Als ich 1993 vom Amiga 500 auf den Amiga 1200 umstieg, war die Welt noch in bester Ordnung. Windowskisten waren damals noch weit davon entfernt eine Vormachtstellung am Spielemarkt einzunehmen und der Zwölfhunderter war dem damals zum Zocken überwiegend genutzten 386ern mindestens ebenbürtig und dabei auch noch günstiger. So gesehen konnte ja nichts schiefgehen, wenn man dem Amiga weiterhin die Treue schwört.

Rückblickend lag ich mit meiner Prognose natürlich total falsch. Mit der zunehmenden Verbreitung an 3D-Techniken in Spielen und der rasant steigenden Prozessorleistung Windows kompatiblen PC´s, fiel der Amiga immer weiter ins Hintertreffen.

Es kam wie es kommen musste und Mitte der 90er Jahre zog ein Pentium samt Voodoo Zauber zu mir ins Haus. Dem Amiga hielt ich zu diesem Zeitpunkt dennoch die Treue, selbst wenn sie zum Zocken nur noch sehr selten zum Einsatz kam. Allerdings war meine Zwölfhunderterin weit von dem entfernt was man noch zur Markteinführung kaufen konnte. Eingebettet in einem Midi-Tower, befeuert mit einer Blizzard 603e (68060) und aufgerüstet mit einer G-Rex PCI samt Voodoo 3-3000, war dieser „Wunder A1200“ nicht nur schnell, sondern mit der noch vorhandenen Amiga-Software extremst unterfordert.

Irgendwann zur Jahrtausendwende wurden dann doch beide Systeme ersetzt. Der Windows-PC musste der weitaus cooleren Playstation 2 als Spieleplattform weichen und der Amiga gab seinen Platz an seinem Bruder im Geiste, dem iMac, weiter.

Heute im Jahr 2019, wollte ich wissen wie es dem einst so geliebten Rechner ergangen ist. Das ist aber garnicht so einfach, da der Name Amiga seit dem Niedergang von Commodore, eine geradezu „kurtisanenhafte“ Karriere vollführt hat.

Als der Amiga noch Amiga war

Der Amiga 1000 erblickte 1985 das Licht der digitalen Welt und läutete damit den Siegeszug der 16bit Heimcomputer ein. Als Betriebsystem wurde das AmigaOS 1.0 etabliert, welches als GUI (grafische Benutzeroberfläche) die sogenannte Workbench besaß. Um die Verwirrung perfekt zu machen, nannte Commodore ihr Betriebsystem nicht wie es sich gehört AmigaOS, sondern gab dem Betriebssystem einfach den Namen seiner grafische Benutzeroberfläche. Aus diesem Grund sprach man bei Commodore bis zur Version 3.1 von der „Amiga Workbench“, was eigentlich falsch ist.

„Der“ Amiga, den die meisten als Amiga kennen dürften, war der Amiga 500. Dieser verfrachtete 1987 einen leicht modifizierten Amiga 1000 in das bis heute schönste Tastaturgehäuse der Welt (Achtung! Eigene Meinung). Weiterhin wurden ihm ein fehlerverbessertes Betriebssystem in der Version 1.2 und kurz darauf in der Version 1.3 spendiert. Als Profi-Pendant zum hippen A500 erschien der Amiga 2000, dieser verfügte über mehr Steckplätze und wurde in einem Desktop Gehäuse ausgeliefert.

„Der Amiga 500 wie man ihn kennt“
Flickr/Toni Birrer, Lizenz: CC BY-SA 2.0

1990 wurde der Amiga 2000 vom Amiga 3000 abgelöst, dieser besaß neben modernste Erweiterungen wie SCSI und dem Zorro 3 Steckplätzen auch einen 32 Bit breiten Datenbus. Die Workbench, also das AmigaOS, bekam einen Versionssprung auf die Version 2.0 und hatte von da an einen Installer an Board. Natürlich gab es noch andere Software Erweiterungen, aber optisch bot sich kein großer Unterschied zur UR-Version des Betriebssystems.

Das 1991 erschiene CDTV, welches trotz schwarzen und wunderschön gestaltendem Gehäuse zum größtenteils technisch noch dem Amiga 500 glich, verfügte zusätzlich über ein Single-Speed-CD-ROM Laufwerk. Einerseits seiner Zeit voraus, dank CD-Rom und wohnzimmertauglicher Optik, hinkte der CDTV dank geringer Rechenleistung der Zeit hinterher. Außerdem konnte man den mittlerweile 4 Jahre alten Amiga 500 durch das „Amiga A570“ CD-Laufwerk zu einem vollwertigen CDTV mutieren und hat nebenbei noch ein Diskettenlaufwerk. Es kommt wie es kommen musste und das CDTV floppte. Heute wird das Unikat zu teils wahnwitzigen Preisen verkauft.

„Das CDTV und im Hintergrund das CD32“
Flickr/Soupmeister, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Ein Jahre später, also 1992, versuchte Commodore vergebens den Amiga 500 durch den heute relativ begehrten Amiga 600 zu ersetzen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger besaß der Amiga 600 einen internen 2,5″ HD Anschluß und 512Kb mehr Speicher, außerdem wurde er kompakter und bekam das Betriebsystem des Amiga 3000 spendiert. Trotzdem kaufte man sich „nur“ einen kleineren Amiga 500+, der zudem noch um seinem numerischen Tastenblock beklaut wurde. Der Amiga 600 erlitt schon wie ein Jahr zuvor das CDTV Schiffbruch, desterwegen erschien noch im selben Jahr der echte Nachfolger in Form des Amiga 1200.

Der Amiga 1200, sowie sein Profiableger Amiga 4000 (T), waren die letzten von Commodore entwickelten Heimcomputer und wurden damals von den Fans und auch von der Presse begeisternd aufgenommen. Die „Neuen“ waren nicht nur schneller, sondern hatten nach sieben Jahren endlich auch ein Grafik Update in Form des AGA Chipsatz bekommen. Selbstredend war die komplette Architektur auf moderne 32 bit ausgelegt, allerdings sah das Betriebsystem in der Version 3.0 immer noch aus wie anno dazumal.

„Der Amiga 1200“
Flickr/Frédéric BISSON, Lizenz: CC BY 2.0

Obwohl die „AGA“ Amigas geile Teile waren und darüber hinaus auch recht erfolgreich, zerbrach der schon angeschlagene Mutterkonzern und musste seine Rechte schon 2 Jahre später verkaufen. Daran änderte auch die 1993 erschiene Spielekonsole Amiga CD32 nichts. Dabei war das CD32 eigentlich kein Flop. Der auf das Spielen reduziert A1200 kam mit einem Double-Speed-CD-Laufwerk und spezielle Custom-Chips daher. Das alles wurde in einem hübschen schwarzen Kasten gepackt und mit Joypads ausgeliefert. Leider gab es ihn in zu geringer Stückzahl und vielleicht auch ein halbes Jahr zu spät, sodass die ein Jahr später erschienene Playstation dem CD32 den Todesstoß verpasste.

Mit der Übernahme im Jahre 1995 durch die Firma ESCOM, wurde unter der gegründeten Tochterfirma „Amiga Technologies GmbH“ der Amiga 1200 und Amiga 4000T neu auflegt und weiter vertrieben. Trotz guter Verkaufszahlen wurde die Marke Amiga sträflichst vernachlässigt und als Löcherstopfer für den finanziell schwächelnden Konzern genutzt. Empfehlenswert dazu das Buch „Meine Erinnerungen an Commodore und Amiga“ von Petro Tyschtschenko.

Der auf der der CeBIT 1996 vorgestellte Amiga Walker (Amiga1300) erblickte daher offiziell nie das Licht Welt.

Ab jetzt wird alles etwas verwirrend und verkorkst! Ich hoffe ich habe alles richtig zusammengetragen.

Der Amiga als Hardware

Als 1996 die Firma „Amiga Technologies“ an den Set-Top-Boxen-Hersteller VisCorp übergehen sollte, war auf einmal von Amiga-Set-Top-Boxen die Rede. Geplant war ein TV-Zusatzgerät, welches über den Fernseher angeschlossen und so jedem Internet Zugang abseits Computerkenntnisse bieten soll. Irgendwie platze aber der Amiga-Deal zwischen ESCOM und VisCorp und noch vor dem erscheinen neuer Hardware, wurden die vorhandenen Rechte an Gateway 2000 verkauft.

Gateway 2000“ erwarb also im Jahre 1997 die Rechte an „Amiga Technologies“ und vertrieb so die mittlerweile technologisch hoffnungslos veralteten Amiga 1200 und 4000 Restbestände. Eine kleine Namensänderung gab es darüber hinaus auch noch. „Amiga Technologies“ hieß dann „Amiga International“ und wurde unter großen Einsatz von Petro Tyschtschenko so gut es ging am Leben erhalten.

Im Jahr 2000 landeten die Rechte von „Amiga International“ bei einem ehemaligen Gateway 2000 Mitarbeiter und seiner gegründeten Firma „Amino Development„. Dieser musste natürlich auch einen neuen Namen aus dem Hut zaubern und änderte den Firmennamen „Amiga International“ in „Amiga Inc„. Mit neuer Hardware hatte „Amiga Inc“ aber wenig am Hut und strebte eine betriebssystemunabhängige Softwareumgebung Namens „Amiga DE“ an. Also kein hardwareunabhängiges Betriebsystem wie Linux, sondern eher was in der Richtung Java. Somit hat AmigaDE außer dem Namen nichts mit dem eigentlichen Amiga wie wir sie kennen gemein. Es existierte nicht einmal ein Port, der es ermöglicht alte Amiga Software unter AmigaDE auszuführen.

Um dem immer noch ungebrochenen Interesse eines Nachfolgers der Classic Amiga Reihe nachzukommen, suchte sich „Amiga, Inc.“ neue Partner. Mit Hilfe der Firma „Eyetech“ wurde 2003 ein offizieller Nachfolger geboren, der Amiga One. Der Amiga One glich eher einen normalen PC und baute auf moderne PowerPC CPUs. Ein neues AmigaOS für PPC Amigas gab es zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, so mussten die ersten Amiga One Besitzer auf Linux ausweichen.

Nach etlichen Gerichtsstreitereien bekam im Jahre 2010 die Firma Hyperion die vollen Nutzungsrechte am Namen Amiga und am Amiga OS 3.1. Der daraus resultierende AmigaOne X1000 erblickte Ende 2011 das Licht der Welt. Im gleichen Jahr brachte die Firma Acube auch den AmigaOne 500 auf Basis eines SAM460ex-Mainboards auf den Markt.

Flickr/Steve Elliott, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Aktuell gibt es das Mainboard „SAM460“ und die Komplettsysteme „AmigaOne 500“, „AmigaOne X1000“ und „AmigaOne X5000“ als legitimen Amiga Nachfolger. Auf allen Systemen läuft das aktuelle Betriebsystem AmigaOS 4.1 und auch MorphOS.

Das AmigaOS

Das Amiga OS wurde bis zur Version 3.9 für sogenannte klassische Amigas entwickelt, also Amigas mit einem 68k Prozessor wie er im Amiga 500/1200 verwendet wird. Nach Commodores Ende übernahm die Firma Haage & Partner die Rechte am Amiga OS und entwickelte die recht gelungene Versionen 3.5 und 3.9 (1999 und 2000). Empfehlenswert hierfür ist aber ein aufgerüsteter Amiga mit mindesten 68030 Prozessor.

Im Jahr 2000 beauftragte die neu gegründete Firma „Amiga Inc“ das belgisch-deutsche Privatunternehmen „Hyperion Entertainment“ damit, ein AmigaOS auf Basis der PowerPC Architektur zu entwickeln. Das AmigaOS 4 basiert auf dem Quellcode des AmigaOS 3.1 und teilweise auf der von Haage & Partner entwickelten Version 3.9.

Im Jahr 2006 erschien dann endlich das AmigaOS 4.0, welches nur noch auf Amigas mit Power-PC Prozessoren funktionierte.

Flickr/Blake Patterson, Lizenz: CC BY 2.0

2009 erschien das vorerst letzte AmigaOS in der Version 4.1.

MorphOS und PowerUP

Im Jahr 1995 und 1996 war eigentlich eine Firma bekannt dafür, den Classic-Amiga neues Leben einzuhauchen. Die Rede ist von „Phase5“ und ihren „PowerUP“ genannten Erweiterungskarten. Durch diese „Blizzard PPC“ und „Cyberstorm PPC“ genannten Erweiterungskarten, wurden Amiga 1200 und auch der Amiga 4000 in die nächste CPU-Generation befördert. Neben dem damals schnellen aber schon in die Jahre gekommenen „68k“ CPUs“ (68040 und 68060), verfügten diese Karten auch über die weitaus moderneren „PowerPC“ CPUs. Für den Amiga 1200 kam der „PowerPC 603“ und für den Amiga 4000 der „PowerPC 604“ zum Einsatz.

Beide Prozessorkarten konnten mittels einer Grafikkartenerweiterung (BVisionPPC und CyberVisionPPC) auch grafisch einen mächtigen Schritt nach vorne machen. Ein so aufgerüsteter Amiga war aber inkompatibel zur klassischen Amiga-Architektur, aus diesem Grund musste man quasi ein Doppel-System im Amiga betreiben. Für klassische Amiga Software kam der verbaute 68k Prozessor samt normalen Betriebssystemkern zum Einsatz, während für spezielle PPC Software der RISC Prozessor (603,604) mit der erweiterten „PowerUp Software“ (ppc.library) betrieben wurde.

Mit der PowerUp Software kann auch die Brücke zu dem Betriebssystem MorphOS geschlagen werden. Der Hauptentwickler Ralph Schmidt begann seine Arbeit eben mit dieser PowerUp genannten Software, bevor er 1999 mit dem entwickeln des MorphOS Betriebssystems begann. Im Grunde genommen ist MorphOS die vollwertige und Systemunabhängige Software-Lösung der PowerUP-Software (ppc.library).

Nebenbei ist das MorphOS ist im Stande die 68k-Prozessorfamilie zu emulieren und somit auch Amiga Software kompatibel. Dabei sollen sehr gute Leistungswerte erreicht werden, die konventionellen Emulatoren wie WinUAE im Nichts nachstehen. Selber habe ich noch kein MorphOS gesehen, geschweige denn benutzt. Allerdings vegetiert bei mir im Keller ein eMac G4 vor sich hin, vielleicht teste ich es einfach mal.

Das Amiga Erbe

Da stellt sich mir die Frage, wer jetzt eigentlich das Erbe des Amigas antritt? Ist es der von seinem Urvater weit entfernte AmigaOne mit AmigaOS 4.1, oder der veraltete Klassik Amiga mit PPC Board und dem auf ppc.library basierendem MorphOS? Vielleicht ist es auch der Minimig, welcher mit einer echtem 68k CPU und einem FPGA Prozessor den A500 nachbildet? Wer weiß das schon?

Seit meiner Recherche weiß ich aber, dass es vermutlich nie mehr einen echten legitimen Nachfolger des Amigas geben wird. Zu versponnen sind die Rechte an Hard- und Software und zu weit hat sich beides vom Ursprung eines All-in-One Computer entfernt.

Vielleicht wäre alles anders gelaufen wenn Phase5 Mitte der 90er die Rechte an Amiga bekommen hätte. Die hätten vielleicht auf Basis des A1200 und einer PPC inkl. BVision, einen „Amiga PPC“ auf den Markt gebracht. Welcher selbstverständlich mit einer auf MorphOS basierendem Betriebsystem Namens „AmigaOS PPC“ und einer 68k Emulation gelaufen wäre. So ist es aber leider nicht gekommen und mir bleibt nichts anderes über als in schönen Erinnerungen zu schwelgen, an einen Computer der einst die perfekte Mischung aus Mac und XBox war.

Schreibe einen Kommentar